Ausgabe

HEIMWEH

No. 37 | 2020/2

«Obacht Kultur» N° 37, 2020/23 hat Heimweh.

Auftritt: Nora Rekade;
Bildbogen: Pascal Häusermann und Costa Vece;
Texte: Andri Perl, Franziska Schläpfer, Arno Geiger u.v.m.

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Gedächtnis

Vom Wappen zum Vauxhall: Was Wandbilder verraten

von Thomas Fuchs

Die Fassadenmalereien am haus Schmiedgasse 4/6 sind seit mehr als hundert Jahren ein Blickfang im historischen Zentrum von Herisau. Die aktuellen Renovierungsarbeiten brachten im Innern des Gebäudes, das im Kern aus dem 17. Jahrhundert stammt, zwei weitere, ganz andere Bilderwelten zum Vorschein. 

1910 liess sich der Eigentümer Fritz Weber vor dem östlichen Teil des Doppelhauses an der Schmiedgasse 4/6 in Herisau fotografieren. Er hatte das Gasthaus in diesem Jahr gekauft und die bis dahin unscheinbar hell gestrichene Hauptfassade auffällig bemalen lassen. Mit den gewählten Sujets schuf er, im Gründungsjahr der kantonalen Heimatschutzsektion, einen Gegenpol zur immer globaler werdenden Welt. Wer Webers selbst gefangene Forellen und die erlesenen «Oberländer Weine» geniessen wollte, sollte ein Stück Heimat mitserviert bekommen.

Heimatverbundenheit

Webers Heimatverbundenheit äussert sich durch ein Band mit Ausserrhoder Gemeindewappen – alle sieben Hinterländer Gemeinden sowie diejenigen von Rehetobel, Trogen und Heiden – unterhalb der Fenster des ersten Stockwerks. Über dem Eingang ist, passend zum Wirtshausnamen «Rössli», eine Szenerie mit einem weissen Pferd aufgemalt. Weiter oben finden sich geometrische Ornamente. Ausgeführt wurden die Malereien durch das Herisauer Malergeschäft Bammert & Clavadetscher.

1947 richtete die Migros-Genossenschaft ihr Verkaufslokal im Gebäude ein. Als sie es sechs Jahre später zum Selbstbedienungsladen umbauen liess, veranlasste sie die Erneuerung der Fassadenmalerei. Der St. Galler Künstler Willy Koch (1909–1988) hielt am Streifen mit den Gemeindewappen fest, beschränkte sich jedoch auf das Appenzeller Hinterland. Neu hinzu kamen das Kantonswappen, Ansichten der Landsgemeinde-Orte Hundwil und Trogen sowie drei folkloristische Sujets. Das heimatliche Element erhielt so eine weitere Stärkung. Die Migros konnte sich nun als regionaler Anbieter positionieren, bei dem es sich trotz des amerikanischen Selbstbedienungskonzeptes unbekümmert einkaufen liess. 1981 überarbeitete Koch die stark verwitterten Malereien ein weiteres Mal. 

Fernweh

Im Zuge der aktuellen Sanierungsarbeiten kam im Westteil des Doppelhaues eine ganz andere Bilderwelt zum Vorschein – barocke Wandmalereien aus dem 18. Jahrhundert. Möglicherweise handelt es sich um den «vorderen gemalten Saal», der in einem Vertrag aus dem Jahre 1739 erwähnt wird. Hausbesitzer waren damals die im Textilhandel tätigen Brüder Hans Jacob und Martin Spiess. Vielleicht stammen die Malereien aber auch aus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, als sich im Gebäude die Arztpraxis und Apotheke Tanner befand. Vom Stil her scheint das Zweite plausibler.

Die monochrom in Rosatönen gehaltenen Bilder, die lange unter Tapeten verborgen waren, zeigen unterschiedlichste Arrangements aus fiktiven Landschaften, Gebäuden und Personen, wie sie damals in Mode waren. Sie zeugen von Weltgewandtheit und Bildung der Auftraggeber. In eine universellere Tradition als die oben erwähnten Fassadenmalereien eingereiht, stehen sie für eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit zur weiten Welt. 

Heimweh

Kehren wir zurück ins 20. Jahrhundert: In einer kleinen Kammer im selben Haus haben sich Fotoporträts von italienischen Filmstars erhalten; sie wurden um 1964 einfach an eine Wand geklebt. Zu sehen sind unter anderem Umberto Orsini und Giovanna Ralli sowie eine Präsentation des neuen Kleinwagens «Vauxhall Viva» aus der Zeitschrift «Moda e Motori».

Jemand hatte sich an der Herisauer Schmiedgasse auf engstem Raum ein eigenes Klein-Italien geschaffen. Die unbekannte Person stammte wohl aus unserem südlichen Nachbarland und dürfte zum Arbeiten nach Herisau gekommen sein. Ein Bauarbeiter? Eine Verkäuferin im Migros-Laden im selben Haus? Die Relikte vom Umgang mit dem Heimweh blieben erstaunlicherweise mehr als fünfzig Jahre erhalten – und diese Sehnsuchtsmotive sind, im Gegensatz zu den anderen mit idealisierten Landschaften und politischen Insignien, an reale Personen gebunden.

Thomas Fuchs, geboren 1959, ist Kurator am Museum Herisau und freierwerbender Historiker und Archivar.

Bilder: Museum Herisau; Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden (Fotografie: Daniel Ammann, Herisau).

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