Ausgabe

SPIEL REGEL

No. 40 | 2021/2

«Obacht Kultur» N° 40, 2021/2 spielt.

Auftritt: Pablo Walser;
Bildbogen: Karin K. Bühler;
Umschlag: Bernard Tagwerker;
Texte: Frédéric Zwicker, Dominik Schleich und Ingrid Brühwiler, Angélique Kellenberger, Dieter Ringli u.v.m.

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Gedächtnis

Stegreifspiel - der intuitive Umgang mit Regeln

von Dieter Ringli

Stegreifspiel ist eine besondere Form des Musikmachens, die in der Volksmusik der ganzen Schweiz anzutreffen ist. Sie ist bei den Akkordeon-Ensembles des Welschlands über die Ländlerkapellen des Bernbiets und der Innerschweiz bis zu den Streichmusikformationen des Appenzellerlands verbreitet. In Appenzell Innerrhoden wird der Stegreif sogar in der Blasmusik gepflegt. Was aber ist denn eigentlich Stegreif-Musizieren?

Der Begriff «Stegreif» ist eine alte Bezeichnung für «Steigbügel». Etwas «aus dem Stegreif machen» bedeutet ursprünglich, etwas «ohne vom Pferd zu steigen» zu tun, im übertragenen Sinn also «spontan, ohne Vorbereitung, improvisiert» zu handeln. In der Musik wird Stegreifspiel gern mit Improvisation gleichgesetzt. Dies ist insofern zutreffend, als im Stegreif auch ohne Noten musiziert wird, also nicht schon vorher genau schriftlich festgelegt wurde, was gespielt wird. Aber im Hinblick auf die «spontane Erfindung im Moment der Aufführung» – das zentrale Moment der Improvisation– unterscheidet sich das Stegreifspiel deutlich von der Improvisation. Im Stegreif wird nichts erfunden, die Melodie ist bekannt, zumindest demjenigen, der sie vorträgt. Zwar können Varianten und Verzierungen hinzugefügt werden, aber grundsätzlich bleibt die Melodie unverändert: Sie wird im Stegreifspiel lediglich ad hoc begleitet, ergänzt und ausgeschmückt. Auch dabei wird im Grunde nichts ersonnen, sondern es werden Regeln angewendet, die sich die Stegreifspielenden in langer Musizierpraxis angeeignet haben.

Diese Regelkenntnis ist eine intuitive und kann von den meisten Stegreifler*innen nicht ausformuliert werden. «Spielerfahrung» oder «Stilkenntnis» sind darum wohl treffendere Begriffe als «Regelanwendung». Die Spieler*innen wissen aus Erfahrung, welche Akkorde zur Melodie passen und welche Töne sich für eine Begleitstimme eignen. Routinierte Stegreifspielende können selbst zu einer Melodie, die sie noch nie gehört haben, spontan eine Begleitstimme entwerfen. Was für Lai*innenkaum vorstellbar erscheint, ist für geübte Stegreifler*innen selbstverständlich und funktioniert, weil sie sich ein instinktives Wissen angeeignet haben, wie ein Walzer, ein Schottisch oder auch ein Marsch, ein Zäuerli oder ein Rugguusseli formal und harmonisch aufgebaut sind. Meist kann man das nicht benennen, man hört einfach, was richtig und passend ist und was nicht. Stegreifspielende halten sich also an die in der Tradition gewachsenen Regeln, ohne diese genau zu kennen. Da diese Regeln eher ein geteiltes Wissen als ein streng festgelegter Kodex sind, können sie natürlich immer auch erweitert und verändert werden. Es ist letztlich eine Geschmacksfrage, was geht und was nicht.

Stegreifspiel funktioniert aber nur, wenn sich die Stücke und Melodien an die traditionell gewachsenen Formen halten. Allzu originelle und überraschende Stücke, die sich nicht an den bekannten Mustern orientieren, können nicht im Stegreif gespielt werden, weil die Musikant*innen nicht voraushören können, was kommen wird, und darum nicht spontan begleiten können. Stegreifmusik ist deshalb formal wenig überraschend, sie bleibt aber stets lebendig und wandlungsfähig, da eben nicht aufgeschriebene Noten oder fixierte Regeln angewendet werden, sondern ein gemeinsamer Erfahrungsschatz, aus dem geschöpft wird. Und sie macht den beteiligten Musikant*innen Spass, weil sie spielen können, was sie selber wollen. Das ist wiederum auch für die Zuhörenden spürbar.

Dieter Ringli, *1968, ist Musikethnologe und Musiker mit Schwerpunkt Schweizer Volksmusik und Pop. Er ist als Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zürcher Hochschule der Künste tätig.

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