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WIEDER UND WEITER

No. 48 | 2024/1

Im «Obacht Kultur» N° 48, 2024/1 dreht sich alles im Kreis.

Auftritt: Kappenthuler/Federer;
Bildbogen: Rolf Graf; Fridolin Schoch
Texte: Simon Froehling, Monika Jagfeld, Esther Roth u.v.m.

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Frischluft

Segel setzen

von Simon Froehling

Erst als sie die Strasse überquert habe, sei ihr eingefallen, dass sie ihren Espresso nicht bezahlt habe, worauf sie sich umgedreht und gesehen habe, dass ihr Tisch, auf dem das Tässchen noch stand, neben dem kleinen Edelstahl-Becher mit der eingerollten Rechnung darin, bereits wieder besetzt gewesen sei, ein älteres Herrenpaar, umringt von Einkaufstüten, kein Wunder, wo die Sonne vor einer Stunde erst und gänzlich unerwartet die Regenböen verscheucht habe, worauf der Wirt wohl hastig habe herausstuhlen lassen. Erst als sie sich hingesetzt habe und das Tram losgefahren sei, habe sie gemerkt, dass sie kein Billett gelöst habe und offensichtlich auch nicht zurückgekehrt sei, um ihren Lapsus, der gar keiner hätte sein müssen, da er allem Anschein nach nicht bemerkt worden sei, es also ein Leichtes, nein das einzig Richtige gewesen wäre, retour zu gehen, mit einem «Entschuldigung, bitte!» die Rechnung aus dem Becherlein zu fischen und ins Lokal zu schreiten, um den geschuldeten Betrag zu begleichen. Erst lange nach Eindunkeln, mit einem Buch auf dem Sofa, habe sie sich gefragt, was sie wohl ergriffen habe, ob es tatsächlich nur die Sonne gewesen sei mit ihrem unverhofften Gastspiel, die sie dazu verleitet habe, nicht nur ihre Zeche zu prellen, sondern auch schwarz zu fahren und obendrauf ihren Arbeitgeber anzulügen, sie habe eine Migräne, sowie den jungen Mann, der sich nach dem Weg zum Bahnhof erkundigt habe, in die entgegengesetzte Richtung zu schicken, ja, das müsse es wohl gewesen sein, habe sie sich gesagt und sich ins Bett gelegt, wo ihr Gewissen sie jedoch erst habe einschlafen lassen, als sie sich entschieden habe, in der Früh zumindest die offene Rechnung im Café zu bezahlen. Erst am morgigen Tag, es habe sie erstaunt, dass die Tische und Stühle noch draussen gestanden hätten, wo es wieder so nass und grau geworden sei, aber noch viel mehr erstaunt habe sie, dass genau ihr Platz in der vorderen Tischreihe, dass genau ihr Stuhl als einziger besetzt gewesen sei von einer Frau, die ihr gleichzeitig fremd und sehr bekannt vorgekommen sei, und auch ein Espresso-Tässchen habe dagestanden und ein Becherlein, erst also, als sie sich gesetzt habe, sei der sprichwörtliche Zwanziger gefallen, und sie habe verstanden, endlich verstanden, und im selben Moment sei ihr bewusst geworden, dass sie den Satz nicht nur gedacht, sondern laut heraus gesagt habe: «Jetzt verstehe ich.» Worauf die Frau, die ihr so bekannt vorgekommen sei, aufgeschaut habe. «Darf ich?», habe sie nachgeschoben, denn die Irritation sei der Frau, die ihr zugleich so fremd vorgekommen sei, ins Gesicht geschrieben gestanden. «Sie sitzen doch schon», habe die Frau geantwortet. Worauf sowohl sie als auch die bekannte Unbekannte ihren Blick zu dem Becherlein hätten wandern lassen mit der eingerollten Rechnung darin. Und dann seien sie losgerannt, werden die beiden später allen erzählen, die es hören wollen, Hand in Hand seien sie losgerannt und gerannt, dem rauen Sturmwind in die Arme.

Simon Froehling, geboren 1978, ist schweizerisch-australischer Doppelbürger und heimatberechtigt in Walzenhausen und Zürich, wo er auch lebt. Er schreibt Theaterstücke,  Hörspiele und Romane. Für sein jüngstes Werk «Dürrst» erhielt er einen Werkbeitrag der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Der Roman war zudem für den Schweizer Buchpreis 2022 nominiert und wurde vom Kanton Zürich ausgezeichnet.

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