Ausgabe

WIEDER UND WEITER

No. 48 | 2024/1

Im «Obacht Kultur» N° 48, 2024/1 dreht sich alles im Kreis.

Auftritt: Kappenthuler/Federer;
Bildbogen: Rolf Graf; Fridolin Schoch
Texte: Simon Froehling, Monika Jagfeld, Esther Roth u.v.m.

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Thema

Wiederverwendung ist eine Grundlage für Kultur

von Rudolf Lutz und Hanspeter Spörri

Recycling, Wiederverwertung, Kreisläufe in der Musik? Es liegt nahe, dazu den vielseitigen Musiker, Bach-Interpreten, Dirigenten und Komponisten Rudolf Lutz zu befragen. Am 1. März 2024 erlebte seine «Markuspassion» die Uraufführung an der Universität Zürich, eine klingende «Dissertation» zur Verleihung der Ehrendoktorwürde an Rudolf Lutz durch die religionswissenschaftliche Fakultät – eine Komposition nicht in Bach’schem Stil, aber nach Bach’schen Strukturprinzipien. Während dreier Jahre hatte er daran gearbeitet. Lutz nutzte – recycelte – das erhalten gebliebene Libretto einer verlorengegangenen Komposition von Johann Sebastian Bach, begab sich auf eine «lange Reise zu den Stationen im jesuanischen Leiden und Sterben». Mit Blick auf das Schrecklich-Menschliche, das sich in der Gegenwart offenbart, ist die Passion für Rudolf Lutz aktueller Stoff. Wir sitzen uns im Migros-Restaurant im St. Galler Neumarkt gegenüber, und Rudolf Lutz fallen zum Thema Wiederverwertung so viele musikalische Beispiele ein, dass ich mit Notieren nicht nachkomme. Jede musikalische Betätigung sei im Grunde Teil eines Kreislaufs, sagt er. Das beginne beim Üben von Fingersätzen, dem Spielen von Tonleitern: «Üben ist Wiederholung, aus der Variation entstehen kann.» Im Barock, im Jazz, in der Volksmusik: «Als Jazzmusiker mit einem Repertoire von Standards kann ich mit anderen zusammenspielen. Wir müssen vielleicht die Harmonien etwas absprechen – dann legen wir los. Oder ich spiele zusammen mit meinem Bruder unter dem Motto ‹Keep swinging›.» Das sei dann auch eine Aufforderung, nicht der Depression zu erliegen, im Fluss zu bleiben. Rudolf Lutz als Musiker erlebe ich kaum je nur fröhlich oder nur ernst. Meist öffnet er einen weiten Spannungsbogen an Emotionen, löst Lacher und Tränen aus, egal, was er gerade interpretiert. Und immer wieder nutzt er musikalische Zitate. Ohne kulturelle Aneignung gäbe es keine Kultur, vermutet er: «Wir sind nicht aus uns selbst heraus schöpferisch, sondern indem wir uns von anderen inspirieren lassen.» Auch Johann Sebastian Bach habe sich immer wieder mit Werken anderer Komponisten auseinandergesetzt, habe deren Ideen in seine eigenen Werke eingebaut, habe auch eigene Ideen mehrfach wiederverwendet, einmal in einem weltlichen, dann in einem religiösen Zusammenhang. So wurde zum Beispiel aus dem «Tönet, ihr Pauken, erschallet, Trompeten» einer Glückwunschkantate das «Jauchzet, frohlocket» seines berühmten Weihnachtsoratoriums. Es wäre schade gewesen, die anrührende Tonfolge nur in einer einzigen Komposition zu verwenden.

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