Ausgabe

Gestochen scharf

No. 13 | 2012/2

«Obacht Kultur» No. 13, 2012/2 geht den Geschichten und Motiven von Tätowierten und dem Leben der Tattoo-Legende Herbert Hoffmann nach. Auftritt: Christian Meier; Umschlag: Klaus Lutz; Text- und Kunstbeiträge: Irena Brežná, Ueli Alder, Gass Rupp, Rolf Graf.

PDF (ohne Auftritt in der Heftmitte)
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«Obacht Kultur» N° 13, 2012/2 ist eine Doppelnummer. Die Sonderausgabe zur Kulturlandsgemeinde, die sich unter dem Titel «Ich bin so frei» zwei Tagen der «Freiheit» gewidmet hat, vertieft die zweitägige Auseinandersetzung mit Interviews und zeigt künstlerische Interventionen. Von der Freiheit seinen eigenen Körper mit unauslöschlichen Zeichen zu gestalten, handelt das andere Heft. Es gibt Einblick in das Leben der Tattoo-Legende Herbert Hoffmann sowie in die Geschichten und Motive unterschiedlichster Menschen, die sich die Haut stechen lassen. Der Auftritt in der Heftmitte von Christian Meier, ein Poster von Ueli Alder und Fotografien von Rolf Graf verweisen auf die vielschichtigen Dimensionen des Themas, auf Fiktionen und Realität, auf Prägungen im Alltag. Ein literarischer Text von Irena Brežná handelt von der vielschichtigen Empfindlichkeit unserer Haut. Den Umschlag des Hefts bilden zwei Kaltnadelradierungen des verstorbenen Künstlers Klaus Lutz. Weiterführende Texte, Bild- und Tonbeiträge.

Web-Mehrwert

Ergänzende Inhalte zu
der gedruckten Ausgabe
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«Der König der Tätowierer»

Unbekannt, ca. 1950

Christian Warlich (1890-1964) galt als König der Tätowierer. Seine Tätowierstube war in Hamburg St. Pauli. Nach dem 2. Weltkrieg wuchs Herbert Hoffmann allmählich als sein "Kronprinz" heran. Die Bilderserie zeigt ein Plakat der Warlichschen Tätowierstube, den Meister beim Tätowieren und eine Postkarte.

Auftritt

«Real Killer Tattoos»

Christian Meier, 2012

Karton, Klebetattoos, Cellophan, 21 × 16 cm

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«Thema»

Hannes Thalmann, 2012
htf.ch
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«Poster #1»

Ueli Alder, 2007
alderego.ch
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«Vulcan»

Klaus Lutz, 2004
klauslutz.ch

2-minütiger Auszug, 16mm Film, Farbe, Originallänge: 24 1/2 min (18 Bilder/Sec) Courtesy Rotwand, Zürich / Nachlass Klaus Lutz.
Klaus Lutz war Zeichner, Radierer, Performer, Filmer. 2009 stirbt er kurz vor seinem 70. Geburtstag in New York. Er hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, darunter 22 Filme.

Video

«Das volle Leben»

Frank Baumann, 12.07.2009

Herbert Hoffmann (1919-2010) verbrachte die letzten 30 Jahre seines langen Lebens in Heiden und behauptete von sich, dass er nicht sonderlich gut zeichnen könne (was für einen Tätowierer natürlich eine eher heikle Aussage ist). Dennoch rissen sich bis zu seinem Tod Tattoo-Enthusiasten aus der ganzen Welt darum, sich von ihm das …

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«Ohne Titel»

Rolf Graf, Sammlung
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«Ankermotive»

Herbert Hoffmann, 1960

Herbert Hoffmanns Motivtafeln liegen im Nachlass in der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden. Hier eine Serie von Ankermotiven.

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«Ruin des Mannes»

Herbert Hoffmann, 1960

Herbert Hoffmanns Motivtafeln liegen im Nachlass in der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden. Die Serie "Ruin des Mannes" zeigt Frauen, Spielkarten und Würfel, Zigarren und Alkohol.

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«Patrica McKeane»

Unbekannt, ca. 1920

Nicht viel ist über sie bekannt. Sie ist schön - schön tätowiert -, lebte im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts und hatte sich ihren Namen auf den Körper stechen lassen: Patrica McKeane. Die Postkarte liegt im Nachlass von Herbert Hoffmann in der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden.

Text

«Costa Vece zu Tattoos»

Hanspeter Spörri, Juli 2012

Costa Vece hat in einem ausführlichen Interview mit Hanspeter Spörri seine Überlegungen und seinen Bezug zu Tattoos formuliert. In den Thementext «Eine Sprache für Unsagbares» der gedruckten Ausgabe ist davon nur ein Teil eingeflossen. Das vollständige Interview ist hier abgedruckt. (Bilder von C.V. siehe Bildstrecke Thema)

Weshalb entstanden Ihre ersten Tattoos?

Die Spinne am Rücken sollte abschreckend wirken. Ich war damals 16. Es war eine Rebellion, ein Versuch, gegen Konventionen zu verstossen. Vielleicht drückte sich darin auch eine pubertäre Todessehnsucht aus. Mit 18 liess ich mir die Schere auf den Oberarm tätowieren, und mit 23 das Copyright-Zeichen auf die Brust. – Noch zuvor habe ich mir erste Tattoos selber gestochen, kleine Zeichen an der Hand, am Arm. Das war, als ich mich entschloss, ein Punk zu sein.


War Ihnen die Bedeutung bewusst?

Es war mehr ein Ausprobieren: ein auffälliges Kreuz am Handgelenk. Auch dieses hatte mit dem Tod zu tun. Später habe ich versucht, einen Stacheldraht zu stechen. Aber der blieb unvollendet. Das sind sozusagen Charakter-Reliquien aus der Punk-Zeit.


Das Tattoo signalisiert Härte, scheint aber Empfindsamkeit zu verbergen?

Als Punk – oder zu anderen Zeiten die Rocker – suchte man eine Gemeinschaft, eine Familie, die man selbst vielleicht nicht hatte. Man gab sich nach aussen hart. Und man wurde hart, weil man seine Sensibilität nicht leben konnte. Man versuchte, sie zu schützen. Das gilt auch für die äusserlich rauhen Leute in der Kunstszene, die sehr feinfühlige Menschen sind. Beispielsweise Urs Fischer, der breite, tätowierte Mann, der unter anderem zarte, schmelzende Wachsfiguren entwirft. Manche Künstler nutzen für ihre Arbeit die Diskrepanz zwischen dem inneren Empfinden und der harten Aussenwelt. Der Übergang ist wichtig, der Schmerz.


Das Stechen von Tattoos ist schmerzhaft. Ist das wichtig?

Vermutlich schon. Als Jugendlicher ist man auf der Suche nach sich selbst, muss und will lernen, den Schmerz zu ertragen. Ich habe es an mir selbst erfahren: Da war ein innerer Schmerz, den ich auf dem Körper tragen und so aushalten wollte. Jeder, der Tattoos trägt, weiss, dass das Stechen schmerzt.


Tattoos sind Zeichen dafür, dass man den Schmerz erträgt?

In anderen Kulturen war oder ist das Stechen von traditionellen Tattoos ein Initiationsritual, bei dem es auch um das Aushalten von Schmerz geht. Mit dem Schmerz umgehen können, das war sicher wichtig für mich. Manche werden süchtig nach diesem körperlichen Schmerz. Allerdings spricht man darüber nicht, weil es auch um den inneren Schmerz geht, um etwas, das sich kaum formulieren lässt.


Tattos bringen etwas zum Ausdruck, was sich anders nicht aus- oder ansprechen lässt?

Sicher, eine Sprache für Sprachlose – vor allem in den 1980er Jahren war das so. Tattoos werden heute vielfach aber auch aus modischen Gründen, als Körperschmuck, getragen. Die Zeichen und Symbole verkörpern Träume und Wünsche.


Tattoos haben sich vom Rand der Gesellschaft in die Mitte bewegt?

Vom Rand in die Mitte, wieder an den Rand und wieder zurück in die Mitte, seit Jahrhunderten in permanenter Wellenbewegung. Das zeigt sich auch in den Tattoos. Ich kann meistens sagen, wer woher kommt, anhand der Zeichen. Es handelt sich um eine eigentliche Zeichensprache, die aber nicht alle lesen und verstehen können. Meistens sehe ich gleich: der kommt aus der Outlaw-Szene, jene war ein Punk, dieser ist oder war ein Heavy-Metal-Typ. Häufig sind heute aber vorallem die rein modisch motivierten Tattoos.


Für Sie war die Haut die erste künstlerisch gestaltbare Fläche?

Als Kunststudent habe ich mich viel mit der Body Art und der Performance Kunst auseinandergesetzt und mit dem Körper gearbeitet. Deshalb das Copyright-Zeichen. Ich stellte mir die Frage, was das überhaupt ist: der Körper. Bin ich das? Ist er ich? Bin ich mein Körper? Bin ich einzigartig? Und weshalb? Aber bereits in den 1970er Jahren wurde der Körper in der Kunst als Bildfläche genutzt. Für Marina Abramovi?, Gina Pane oder Vali Export war die Haut sozusagen die Leinwand, der Grenzbereich, die Risikozone.


Heute kennen wir den Begriff der «Benutzeroberfläche»?

Auch der Körper ist heute etwas Veränderbares, etwas, das man modelliert. Früher hat man die Abbildungen des Körpers, die Portraitbilder, künstlich verschönert.Künstlerin Orlan hat schon sehr früh, Ende der 70er Jahre, ihr Gesicht anhand von Frauenbildern aus der Kunstgeschichte durch plastische Chirurgie künstlerisch modelliert und verändert.


Bereits die Portraitmaler früherer Jahrhunderte waren sozusagen Schönheitschirurgen.

Im Flugzeug kam ich einst mit einem Schönheitschirurgen ins Gespräch, der nebenbei malt, sich an Giotto und den späteren Renaissance-Malern orientiert. Als Chirurg der Gegenwart beruft er sich auf das Schönheitsideal des 14. bis 16. Jahrhunderts, während ich mich als Künstler mit dem Schönheitsideal des Schönheitschirurgen beschäftigte. Die Veränderbarkeit der Oberfläche ist heute extrem, und immer noch versucht man, dem alten Ideal gerecht zu werden. In der Kunst der 1960er, 70er, 80er Jahre aber ging es gerade um das Gegenteil dieser Schönheit, um deren Verstümmelung.


Es war ein Aufstand gegen die Schönheit?

Das spielte eine Rolle in der Performance-Kunst – oder auch in der Punkbewegung und deren Musik. Das Leiden, der Schmerz, die Frage nach der eigenen Identität, nach dem Zusammenhang von Körper und Geist oder Seele, die Widersprüche, die Ratlosigkeit kumulierten in Formen der Selbstverstümmelungen. Heutzutage ist die Oberflächendiskussion erneut eine ganz andere. Wieder geht es um die Schönheit, um die Angst vor dem Alter – eine alte Geschichte. Tätowierungen machen ein besonderes Körperbewusstsein sichtbar. Mit 20 sehen Körper und Tattoos schön aus. Mit 40 sind beide gealtert.


Tattoos machen die Vergänglichkeit sichtbar?

Ein Tattoo lenkt die Aufmerksamkeit auf den Körper, also auch auf die Vergänglichkeit. Und das Tattoo selbst altert. Es ist ein Teil von mir, meines Körpers. Es verändert sich mit mir, mit meinem eigenen Körper. Das Tattoo ist ein Teil deiner Geschichte, eine Narbe aus deiner Vergangenheit. Manche tun es allerdings als Jugendsünde ab.


In der Biographie wird die Bedeutung der Jugendsünden meistens unterschätzt.

Mir kommt die Ständerätin und ehemalige Regierungsrätin Karin Keller-Sutter in den Sinn, die strenge Obermutter St.Gallens, die einst ein Punk war und dann die Seite wechselte. Sie hat sich damit gerechtfertigt, dass damals eine andere Zeit war. Aber ich glaube, Jugendsünden sind für einen selbst wichtig.


Das Tattoo lässt sich nicht verdrängen?

Mein Bruder starb, als ich 24 war. Ich hatte damals das Gefühl, ich müsse nun mein Leben und meine äussere Gestalt komplett ändern. Aber das hat nicht funktioniert. Die Tattoos blieben. Die kleinen Tattoo-Punkte an den Händen sind da. Man sieht sie sofort. Sie sind nicht symbolisch aufgeladen. Aber als Aussenstehender weisst du: da steckt eine Geschichte dahinter, und ich wurde auch immer darauf angesprochen. Zu dieser Geschichte muss ich stehen. Es ist eine Frage der Haltung, wie ich damit umgehe.


Wenn du dazu stehst, geht davon auch eine Kraft aus, die faszinieren kann.

Ja schon, aber heute ist es ja auch möglich, die Tattoos wegzulasern. Ich kenne jemanden, der das machen liess. Schade. Zu der Person, die sie jetzt ist, passt es nicht mehr. Aber sie hat einen Teil ihrer eigenen Geschichte verloren. Es ist allerdings hart, wenn du immer an deine Vergangenheit erinnert wirst. Da kommt mir Ray Bradburys Buch in den Sinn: «Der illustrierte Mann». Jede Tätowierung hat ihre Geschichte. Damit musst du umgehen können. Beispielsweise wenn du den Namen deiner ersten Liebe tätowiert hast. Oder die Nazi-Tattoos des russischen Opernsängers Evgeny Nikitin, der seine Titelrolle in Bayreuth abgeben musste. Jedesmal, wenn du vor dem Spiegel stehst, wirst du an deine Geschichte erinnert.


Das Erinnern ist auch eine Funktion der Kunst.

Als Künstler kannst du immer von neuem auf die Geschichte, auf Ideen verweisen, das Gesellschaftliche Konstrukt sichtbar machen. Das hat etwas Reflexives. Aber der Körper agiert mit. In ihm findet ja der oft schmerzhafte Prozess statt, der etwas Inneres nach aussen, an die Oberfläche befördert.


Das Tattoo ist sozusagen ein Prototyp des Kunstwerks?

Eine Urform. Vielleicht so alt wie die frühen Höhlenmalereien, aber vergänglich.