Ausgabe

Wirtschaft

No. 24 | 2016/1

«Obacht Kultur» No. 24, 2016/1 ist auf Beizentour. Auftritt: Kuk, Matthias Krucker. Bildbogen: Karin Karinna Bühler. Texte: Alex Capus, Eric Bergkraut, Monica Dörig u.v.m 

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«Obacht Kultur» N° 24, 2016/1 ist der Ausserrhoder Beizenkultur gewidmet. Es bietet Einblicke in die Geschichte, in die Vielfalt der Lokale und ihrer Angebote, schafft Begegnungen mit Wirtinnen und Gästen und beinhaltet eine Fülle von Geschichten. Eric Bergkraut widmet Martin Scherrer von der Hundwiler Höhe einen Text. Alex Capus beschreibt den Feierabend. Zusammen mit den Thementexten, den Bildern, dem Radar und den fünf Gedächtnistexten fügen sie sich zum vielfältigen Universum appenzellischer Wirtschaften in der Vergangenheit wie in der Gegenwart zusammen. Die Bierdeckel von Kuk, Matthias Krucker in der Heftmitte, die fotografierten Weinkarten von Karin Karinna Bühler und der an Tischsets angelehnte Umschlag sorgen für ein fühlbares gastliches Ambiente. Wie gewohnt beinhaltet die Frühjahrsnummer die Jahresberichte des Amts für Kultur und des Staatarchivs.

Web-Mehrwert

Ergänzende Inhalte zu
der gedruckten Ausgabe
Auftritt

«Heilig unter Glas»

Kuk, Matthias Krucker, 2016

Drei Bierdeckel, Collagen, Offset auf Bierfilzpappe 0,9 mm

Text

«Martin von Hundwil-eine Geschichte aus der Beiz»

Eric Bergkraut, 2016

FENSTERBLICK

Martin von Hundwil - eine Geschichte aus der Beiz / Eric Bergkraut

In einer Beiz darf man hängen bleiben. Das unterscheidet sie von anderen Gaststätten. Dort wird dem Gast auf die eine oder andere Art bedeutet, er dürfe nicht zu lange sitzen bleiben. Und der Umsatz wird auf eine Frankensumme pro Quadratmeter und Tag berechnet - stimmt er am Ende nicht, wird der Gastroberater gerufen, der natürliche Feind einer Beiz.

Eine dieser Beizen fand ich im Appenzell und dort wiederum Martin Scherrer. Ich muss ihn erstmals gesehen haben, als ich inkognito auf die Hundwilerhöhi gestiegen bin, um mir ein Bild von Marlies Schoch zu machen, der Wirtin. Wohl bog der schmächtige Martin, das eine Bein leicht nachziehend, in seiner roten Appenzeller-Käse-Faserpelz-Jacke grad um die Ecke. Wohl war er grad unterwegs, um im Keller das Ersatzteil zu einer seiner ausgeklügelten Elektroinstallation zu besorgen.

Zu seinen Pflichten gehörte auch die Bedienung des Warenliftes, der für die charismatische Patronin zu einem Personenlift geworden war, seit sie nicht mehr im Haflinger den Berg hochfuhr. Immer wieder erinnerte Martin daran, dass man den Dieselmotor nicht zu lange vordrehen solle, Energie sei kostbar und teuer. Später filmte ich, wie Martin und Marlies sich am Sonntagabend im Dämmerlicht eine Fussreflexzonen-Massage gönnten und dabei leise schnarchend einschliefen. Und wie Martin im Vorraum Tischtücher und Lacken bügelte, ebenso langsam wie sorgfältig – den Anweisungen von Marlies hatte er zu folgen, das hatte Martin längst verstanden, gelegentliches Murren inbegriffen.

Es ist naheliegend, die Beiz als Haus des Lebens aufzufassen. Nicht nur, weil sich das Schweizerdeutsche Wort "Beiz" vom hebräischen Bait (Haus) ableitet. Dabei gefällt mir die Idee, es sei ein Haus, dessen Türen immer und für alle offen stehen. Darüber habe ich einen ganzen Film gemacht, so habe ich Martin kennengelernt und auch Marlies, seine Patronin.

Wenn man so lange in einer einzigen Beiz verweilt wie Martin, gut 40 Jahre, dann stellt sich die Frage nicht mehr, ob Gast oder Gastgeber, man ist einfach da. Viele Menschen sah er vorbeiziehen: den Ausbrecher, den die Chefin dazu brachte, freiwillig in Gefängnis zurückzukehren. Den Sprayer von Zürich. Den späteren Fussballprofi Tranquillo Barnetta, der mit einer Jugendgruppe sogar übernachtet hat, wie auch dessen Vater, der kürzlich die alte Holzküche gegen eine gleichfalls schon gebrauchte aus Chromstahl ersetzt hat. Auch meine beiden Söhne, einer davon lernte auf der Höhi Chäshörnli kochen. Oder Y., den jungen Somalier mit der breiten Züri-Schnurre, der über verschlungene, nicht ganz einfache Wege hier gelandet ist.

Über sein eigenes Leben sprach Martin nicht gerne. Ich weiss, dass er einmal ein Studium begonnen hatte. Ich glaube, dass es eine Drogengeschichte gegeben hatte und er zunächst nur für ein paar Wochen auf die Hundwiler Höhi wollte, um bei der Renovierung zu helfen und seither dort gelebt hat. Ich fand es witzig, Martin und Marlies zusammen zu filmen, weil sie sich wie ein altes Ehepaar verhalten haben, ohne eines zu sein. Natürlich war mir aufgefallen, dass Martin im Keller eine stets offene Flasche stehen hatte, aus der er sich bediente.

"Ich tänke er wird na Heiweh ha", sagt Martin nach tiefem Zug von der selbstgedrehten Zigarette und in breitem Züritütsch, das allen Appenzeller Versuchungen wiederstanden hat, als der junge Somalier seinen Aufenthalt abbricht. Ich bin sicher, Martin, der mir manchmal vorkam wie ein stolzer Graf, dem nur leider die Ländereien abhanden gekommen sind, dass Martin selber schnell Heimweh hatte nach seiner Beiz, die eben auch sein Schloss war, wenn er weg war, unten nämlich, im Tal.

Irgendwann rief mich Marlies an. Martin sei am 24. Dezember 2015 gestorben, sie sei dabei gewesen. Danach habe sie drei Wochen lang kein Wort gesprochen und nicht gewusst, ob sie weiter leben wolle. Als ich das meinem Sohn erzählte, schreckte er auf: Genau das kommt doch in deinem Film vor, ein Bauer, der auf die Hundwiler Höhi kommt und der kein Wort mehr spricht, seit er einen Schock erlebt hat. Ja, sagte ich ihm, das sind eben Beizengeschichten.

Ich getraute mich nicht, Marlies zu fragen, wer nun den Warenlift bediene. Sie meinte nur, jetzt wo sie sich entschieden habe, weiter zu leben, müsse sie für den Betrieb jemand anders finden, ganz alleine ginge es nicht. In einer Beiz kann man schon hängen bleiben, dachte ich mir, manchmal für ein paar Jahrzehnte. Und wenn man geht, dann fehlt auch wer.

P.S. Ich sitze in Korsika in einem Hotelzimmer, meine Söhne sind mit mir. Eine SMS erreicht mich: Wohl weisst Du es schon, Marlies Schoch ist gestorben. Nein, ich wusste es noch nicht. Noch jemand, der fehlen wird. Und das ziemlich heftig.

Der Film "Service inbegriffe" kann für Fr. 27.- bestellt werden bei mailto:info@ps-72.com

Eric Bergkraut, 1957 in Paris geboren, zunächst Schauspieler, später Journalist ist seit 1992 als Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen tätig. Er lebt in Zürich.

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